Via de la Plata

6 Uhr früh

Der heutige Tag begann bereits gegen 5 Uhr. Eigentlich hätte der Wecker erst um 5:30 Uhr klingeln sollen, doch vor lauter Aufregung hatte ich ohnehin kaum geschlafen.

Frisch geschtriegelt und geschniegelt machte ich mich also auf den Weg hinaus in die dunkle Stadt. Die Route war schnell gefunden – die gelben Pfeile taten ihr Übriges. Nur einmal geriet ich an einer Brücke kurz ins Schlingern, da die Markierungen rechts an einem kleinen Weg angebracht waren.

Ansonsten lief ich einfach weiter in die Nacht hinein – über Felder, unter der Autobahn hindurch. Mal ganz ehrlich: Man hätte mich unterwegs jederzeit ausrauben und irgendwo verscharren können. Vermutlich wäre ich erst Jahre später gefunden worden. Zwischendurch fragte ich mich tatsächlich, ob ich noch ganz bei Verstand bin.

Hinter Santiponce wurde der Weg dann endlich landschaftlich schöner. Man läuft hier entspannt durch Felder und genießt Sonne und Weite. Wäre die Autobahn nicht in Hörweite, könnte man wahrscheinlich sogar die Grillen zirpen hören.

Unterwegs traf ich ein Pärchen aus Polen, mit dem ich ein Stück gemeinsam ging. Wir unterhielten uns nur kurz, aber ihre Outfits passten perfekt zu ihrer hippieartigen Lebenseinstellung.

Dank des frühen Starts erreichte ich Guillena noch vor 12 Uhr. Die erste Herberge ließ ich links liegen und suchte stattdessen die Albergue Municipal auf – nur um festzustellen, dass sie geschlossen war. Also begab ich mich zunächst auf Nahrungssuche und bestellte mir in einem Lokal im Ortskern ein Tostada con Jamón y Tomate. Ehrlich gesagt gab es ohnehin nicht viel Auswahl.

Danach kehrte ich zur ersten Herberge zurück und wartete zusammen mit einem spanischen Pilger vor der Tür, bis jemand zum Aufschließen kam. Nach dem Check-in und einer kurzen Begutachtung unserer Betten trafen nach und nach weitere Pilger ein – darunter Paul aus den Niederlanden sowie ein Ire, dessen Namen ich leider nicht verstanden habe. Nachtrag: Er hieß Fergal!

Alle hatten bereits Erfahrungen auf anderen Jakobswegen gesammelt, was einmal mehr bestätigte: Die Via de la Plata ist wohl nichts für Anfänger.

Am Abend gingen wir gemeinsam im Ort essen, und weitere Peregrinos gesellten sich dazu. Der Rest gehört, wie man so schön sagt, in die Geschichtsbücher.